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Die fünf Irrtümer der betrieblichen Altersvorsorge!

Autor: Dirk Feldhinkel

Ich schaue Sie freundlich vom Bürostuhl aus an!

Ob die betriebliche Altersvorsorge sinnvoll ist, ist bei einer arbeitgeberfinanzierten Altersvorsorge eine rein unternehmens-politische Frage. Bei der arbeitnehmer-finanzierten Variante, die sogenannte Entgeltumwandlung, ist sie eine persönliche wie auch eine staatspolitische Frage.

 

Genau bei dieser entscheidenden Frage, ob sich die Entgeltumwandlung lohnen würde, sind durch die Vermischungen verschiedener Interessen grundlegende Irrtümer in Umlauf gebracht worden.

 

Wie Erfahrungen zeigen, sind diese Irrtümer von der Finanzbranche durchaus gewollt. Zahlreiche Verträge der Direktversicherungen wiesen zum Beispiel durch nachgelagerte Beiträge sogar ein großes Minus aus. Die Finanzberater verschwiegen diese bekannte Tatsache oder spielten sie einfach herunter. Das ist jedoch nur ein kleiner Vorläufer der noch kommenden Probleme. In der Politik und in der Finanzbranche lässt man jedoch nicht davon ab, die Entgeltumwandlung trickreich durch zusetzen.

 

Dabei sind die Probleme so bedeutend, dass sie der betrieblichen Altersvorsorge die Perspektive nehmen. Muss man das hinnehmen und einfach weitermachen? Für diese Überlegung muss man wissen, was eine betriebliche Altersvorsorge in seinem Wesen darstellt. Erfahren Sie dabei aber auch, was die betriebliche Altersvorsorge für die gesamte Gesellschaft der Bürger nicht bedeuten kann: ein Teilersatz für die gesetzliche Rente!

 

Die übliche Denkschablone wird seit vielen Jahrzehnten politisch etabliert: Die betriebliche Altersvorsorge müsse aufgrund der demografischen Entwicklungen unbedingt ausgebaut werden. Dass es die demografischen Entwicklungen in der Bevölkerung einer Umlagerente schwer macht, ist richtig. Deshalb ist es jedoch noch lange nicht richtig, dass dieses Problem mit einer betrieblichen Altersvorsorge besser zu lösen sei.

 

Seit Jahren beschäftige ich mich mit der betrieblichen Altersvorsorge und beobachte das Geschehen. Ich bin erschreckt darüber, wie schwer es einer ideologisierten Politik fällt, von offenkundigen wie schwerwiegenden Fehlern abzulassen.

 

Man erzeugt immer wieder den begrenzten Blick einer Nabelschau, der so typisch für die Argumente in der privaten Finanzwirtschaft ist. Die Probleme liegen darin, dass immer wieder Einzelaspekte isoliert betrachtet werden. Dadurch entstehen die so typischen Monokausalitäten. Sie hinterlassen Informationslücken, die wiederum regelmäßig zu falschen Schlussfolgerungen führen. Die wesentliche Gefahr ist dabei: Monokausalitäten, das heißt Halbwahrheiten bieten sich geradezu an, Menschen zu manipulieren.

Wie Sie fünf mal zu Ihrem Nachteil manipuliert werden!

Irrtum #1: Betriebliche Altersversorgung muss staatlich erhalten werden

Diese Aussage über die betriebliche Altersvorsorge wird in der Politik und in der Finanzbranche geradezu inflationär umher geworfen. Die meisten stimmen sofort zu, ohne darüber nachzudenken. Das liegt wiederum an der seit Jahrzehnten etablierten Meinung, die Umlagerente reiche zukünftig nicht mehr zur Sicherung des Lebensstandards aus. Doch angenommen, dass dies stimmen würde, ist deshalb die betriebliche Altersvorsorge das Mittel, welches das Problem wirklich verbessert? – Oder könnte auch hier etwas anderes dahinter stecken? Bevor wir vereinzelte Punkte hin und her argumentieren, müssen wir uns klar machen was die betriebliche Altersvorsorge überhaupt ist.

 

Lassen Sie bitte mal die bunten infantilen Videobelehrungen beiseite, in denen der Chef etwas zu Ihrer Rente dazu geben würde. Auch das Wissen um fünf Durchführungswege bringt uns hier nicht weiter. Diese Sichtweise ist weniger als nur begrenzt.

 

Eine betriebliche Altersvorsorge ist ursprünglich ein zusätzliches Angebot der Unternehmen zu Löhnen und Gehältern, um langjährig erfahrene und gut ausgebildete Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden. In dieser Hinsicht ist dieses Angebot ein rein unternehmerisches Wettbewerbsinstrument für den Arbeitsmarkt.

 

Was macht einen Wettbewerb aus? – Richtig – Unterschiede!

 

Dieser Wettbewerb funktionierte natürlich beidseitig, sodass im Ursprung die Besserverdienenden ein hohes Interesse zeigten, sich vom Arbeitgeber statt des bereits üppigen Entgeltes noch eine Direktversicherung zahlen zu lassen. Der Gesetzgeber erkannte den Wildwuchs und sah darin offensichtlich eine Umgehung der Einkommenssteuer und der Sozialabgaben. Deshalb wurde die die betriebliche Altersvorsorge 1978 gesetzlich geregelt. Hier wurde zum Beispiel die Steuerfreiheit der Direktversicherung mit der Pauschalbesteuerung des § 40b EStG beschränkt. Ebenso musste die Zahlung aus einer jährlichen Sonderzahlung entstammen, um frei von Abgaben zu sein.

 

Man machte somit politisch genau das Gegenteil der heutigen Politik. Auch damals befürchtete man Probleme der Umlagerente. Das führte jedoch in schlüssiger Weise nicht dazu, auf die Steuereinnahmen und die Sozialabgaben bei hohen Einkommen zu verzichten.

 

Schon hier zeigt sich, wie absurd diese Idee ist, damit eine staatlich soziale Aufgabe zu lösen: die Existenzsicherheit im Alter unter gleichen Bedingungen. Eine zusätzliche Altersvorsorge aus dem Betrieb ist sicher wünschenswert im Sinne des Wohlstandes, aber sicher nicht geeignet, um eine Rente unter gleichen Bedingungen zu erreichen oder gar um Altersarmut zu bekämpfen. Diejenigen, die es am nötigsten brauchen, sind bereits politisch durch den Ausbau des Niedriglohnsektors systemisch davon abgeschnitten.

 

Aber auch die Besserverdienenden werden nicht verschont bleiben. Die versicherungsförmigen Versorgungseinrichtungen leiden unter den selbigen Problemen, wie die privaten Rentenversicherungen. Die Renditen werden von den Kosten aufgefressen. In vielen Einrichtungen gibt es zudem dieselben Probleme wie bei der gesetzlichen Umlagerente, denn einige Pensionskassen arbeiten auch mit Umlagen.

 

Jedoch sind gerade die Besserverdienenden für die Versicherungsbranche interessant. Jedoch um die Versicherungsgesellschaften reich zu machen. Für die Verluste ist wieder einmal der Staat zuständig, wie das Betriebsrentenstärkungsgesetz aus dem Jahr 2019 zeigt. Hier ist die Absurdität komplett. Der Staat versucht das Rentenproblem zukünftiger Generationen durch das Verschwenden von Geldreserven für zukünftige Versicherungsverluste zu „lösen“.  

Irrtum #2: Die betriebliche Altersversorgung ist weitere Renten-Säule

Warum eine reine Kapitaldeckung der gesetzlichen Rentenversicherung nicht immer eine gute Idee ist, zeigte sich in der Nachkriegszeit, als die Wirtschaft am Boden lag und die Staaten sich für Kriegsmaterial verausgabt hatten. Deshalb wurde von Wilfried Schreiber die dynamische Umlagerente entwickelt. Bereits in den 1990er Jahren war jedoch der politische Übermut so groß, dass man „entschieden hatte“, es gäbe nie wieder Krisen. Es ist verwunderlich, dass die Umlagerente nicht völlig abgeschafft wurde.

 

Doch dieser infantile Glaube führte auch zu Regelabschaffungen im Investmentmarkt und geradewegs in eine bedrohliche Versicherungs- und Bankenkrise im Jahr 2008. Durch die Sozialisierungen der Rettungskosten für Banken wurden daraus Staatenkrisen. Es war die Finanzkrise des Jahres 2008. Dadurch haben wir seit vielen Jahren toxische Entwicklungen, die jedoch stoisch ignoriert werden.

 

Eine daraus folgende „Nullzinspolitik“ führt zur lang anhaltenden Renditeschwäche für versicherungsförmige Einrichtungen. Die Katastrophe wird von Experten deutlich vorausgesagt. Bereits jetzt liegen große Finanzdefizite in vielen Versorgungseinrichtungen vor. Die europäische Zentralbank hat sich jedoch mit dieser Politik offensichtlich so festgefahren, dass selbst bei hohem Inflationsdruck keine wesentlichen Zinserhöhungen zu erwarten sind. Diese würden nicht nur die europäische Wirtschaft, sondern viel mehr einige europäische Staaten mit der Zahlungsunfähigkeit bedrohen.

 

Trotz dieser Probleme hält die Politik an der Entgeltumwandlung nicht nur fest, sondern verstärkt die Schäden durch das zusätzliche Einleiten von Geld in dieses marode System. Das Problem wird nochmals auf Kosten der gesetzlichen Rente ausgetragen. Das Ganze war vermutlich wieder eine Idee einer Finanzlobby. Es nennt sich das Betriebsrentenstärkungsgesetz (2019).

 

Bereits der Name ist eine Irreführung. Es müsste das "Betriebsrenten-Kostenerhöhungsgesetz" lauten. Es geht in diesem Gesetz praktisch nur darum, den Einrichtungen mehr Geld zuzuleiten. Um die Sicherstellung einer sicher planbaren Betriebsrente im Sinne einer seriösen Versorgung geht es gerade nicht. Die neu eingeführte Entgeltumwandlung als „garantielose Zielrente" wird gerade im Umfeld einer betrieblichen Altersvorsorge für große Probleme sorgen. Sie passt systemisch nicht in ein betriebliches Versorgungsprinzip.

 

Nicht nur die Versicherungsform, sondern auch die betrieblichen Unterschiede sorgen erwartungsgemäß für große Unterschiede, die eine Gleichbehandlung des Bürgers praktisch unmöglich macht. Die Gesetze zur betrieblichen Altersvorsorge führen deshalb maximal zur Gleichbehandlung innerhalb eines Betriebes. Aber auch das ist nicht immer gewährleistet.

 

Die Entgeltumwandlungen werden, wenn überhaupt, für höhere Einkommen als attraktiv gesehen. Solche Mitnahmeeffekte auf Kosten der dafür reduzierten gesetzlichen Umlagerente schichten dadurch besonders zu Lasten der kleinen Renten Vermögen in die Taschen wohlhabender Arbeitnehmer um. Diese können natürlich sich darauf zurückziehen, der Staat wolle das so. Das schützt jedoch auch die besserverdienenden Bürger nicht vor Nachteilen und Verlusten. Gerade das gute Einkommen ist für die Finanzbranche von höchstem Interesse. Mit der Betriebsrente lassen sich schlechte Verträge zugunsten der Finanzkonzerne und Versicherungsgesellschaften leicht anbringen. Hier wird politisch fast immer argumentiert, dass der Wettbewerb für gute Bedingungen sorge. Wie naiv diese Vorstellung ist, lässt sich leicht darlegen.

 

Bei der Entgeltumwandlung herrscht kein freier Markt sondern ein monopolistisches Oligopol. Das bedeutet, dass nur eine überschaubare Anzahl von Anbietern im Markt wirklich relevant agieren kann. Hier spielt es eine entscheidende Rolle, dass der Arbeitgeber in der Regel das Produkt auswählt. Das tut er jedoch nicht frei nach den besten Bedingungen für die Arbeitnehmer*innen, sondern nach Bedingungen, unter denen er unternehmerisch handeln muss.

 

Beispiele:

 

  • Ein Unternehmen, welches mit hohen Summen abhängig vom Schutz einer Industrieversicherung ist, wird von diesem Industrieversicherer Direktversicherungen anbieten lassen.
  • Ein kleines Unternehmen, welches von Kontokorrentkrediten einer regionalen Hausbank abhängig ist, wird von dieser Hausbank Direktversicherungen anbieten lassen.
  • Ein Unternehmen, welches zum Beispiel im Arbeitgeberverband Metall ist, wird nicht umhin kommen, die Metallrente, das heißt ein Finanzprodukt mit dem Label einer Gewerkschaft anzubieten oder gar per Betriebsvereinbarung umzusetzen.
  • Große Konzerne haben häufig Ihre eigenen Vorsorgeeinrichtungen. Dort bestimmen die Konzerne unmittelbar die Bedingungen. Leider nicht immer zum Vorteil der Arbeitnehmer*innen. Viele Einrichtungen haben wirtschaftliche Schwierigkeiten und müssen gestützt werden. 

 

Haben sie etwas gemerkt? In keinem Fall spielen Arbeitnehmer*innen für eine Auswahl eine relevante Rolle. Wie können dann die betroffenen Arbeitnehmer*innen einen Wettbewerb nutzen?

 

Eine verbindliche Zusatzrente unter gleichen Bedingungen ist hier nicht möglich. Diese Tatsache ist insofern bedenklich, als dass durch die allgemeine Senkung der gesetzlichen Rente in die Ansprüche der Bürger eingegriffen wurde. Besonders betroffen sind die schwächeren Einkommen, die allgemein trotz des neuen Betriebsrentenstärkungsgesetzes einen deutlich erschwerten Zugriff auf Betriebsrenten haben. Könnte das ein Verstoß gegen die Gleichbehandlung im Sinne des Grundgesetzes (Art. 3.1 GG) sein? 

Irrtum #3: Betriebliche Altersversorgung bekämpft Altersarmut

Diese irrige Annahme, diese gesetzlichen Maßnahmen würden eine Altersarmut bekämpfen, wird sogar von Sozialgerichten übernommen. Die Wahrheit ist jedoch banal. Das grundsätzliche Problem liegt in dem System der Förderungen durch Zuschüsse sowie Steuer- und Abgabenerlasse. Es sind die sogenannten „Anreize“. Das bedeutet scheinbar, dass dem Bürger selbst überlassen wird, ob er im Alter arm ist. Ist soweit die Verantwortung auf den ersten Blick erst einmal auf den Bürger delegiert? Genau das ist der fatale Irrtum einer verantwortungslosen Politik. Es ist eine Alibipolitik besonders auf Kosten der bereits finanziell bedrohten Schwächeren. Wirklich großen Profit schlagen dagegen nur Finanzkonzerne und Versicherungsgesellschaften heraus.

 

Eine relevante Förderung durch Zuschüsse oder Steuer- und Abgabenfreiheiten setzt voraus, dass ein entsprechendes Einkommen vorhanden ist, um eine solche Förderung zu erreichen. Das ist besonders bei kleinen Einkommen selten möglich. Diese sind jedoch vordergründig von Altersarmut bedroht. Hinzu kommen die besonderen Vorteile im hohen Einkommensbereich durch die Steuerprogression.

 

So wie die Steuer bei wachsendem Einkommen progressiv, dass heißt überproportional steigt, so fällt sie bei Steuererlassen überproportional.  Bei einem Steuererlass, wie zum Beispiel bei der Entgeltumwandlung im Sinne § 3 Nr. 63 EStG ist demzufolge die Entlastung höher, je höher das Einkommen ist. Automatisch wird derjenige stärker gefördert, der das bessere Einkommen hat. Hinzu kommt, dass mit hohen Einkommen der gesetzliche Rahmen voll ausgeschöpft werden kann. Bei kleinen Einkommen ist oft nicht einmal ein kleiner Teil der Förderung möglich, weil der Vertrag nicht in dieser Höhe bezahlt werden kann.

 

Es gehört zur politischen Geisterfahrt im Sinne eines unauflösbaren Widerspruches, dass man davon ausgehen könne, dass Niedriglohnbezieher von einer Unternehmensführung mit Hilfe eines staatlichen Zuschusses eine Betriebsrente geschenkt bekämen. Die Betriebsrente gehört nun mal zu den Personalaufwendungen, die erklärtermaßen klein zu halten sind, weil es im Niedriglohnbereich an Produktivität fehle. So lautet das klare Bekenntnis des Herrn Professor Sinn, dem Erfinder des nach unten unbegrenzt geöffneten Niedriglohnsegmentes auf dem Arbeitsmarkt. Mit oder ohne Zuschuss vom Staat, das passt mit einer „geschenkten Betriebsrente“ einfach nicht zusammen. Erst recht nicht, wenn jetzt wieder Mindestlöhne verpflichtend sind und damit das Budget für die „produktivitätsschwache Arbeit“ noch enger wird.

 

Bei einer Betrachtung aus übergeordneter Ebene zeigt sich, dass die angeschlagene gesetzliche Rente als soziale Einrichtung noch einmal zusätzlich geschwächt wird. Durch einen egoistisch orientierten Antrieb wird das Geld von Besserverdienenden abgeschöpft. Selbst wenn im oberen Bereich die Mitnahmeeffekte begrenzt werden, profitiert davon sicher kein Bürger, der ernsthaft von Altersarmut bedroht ist. 

Irrtum #4: Betriebliche Altersvorsorge ist besser als das Umlagesystem

Das muss die Ausgangsthese sein, wenn auf Steuereinnahmen und Abgaben der der für Betriebsrenten umgewandelten Einkommen verzichtet werden. Dabei geht es im Kern um die Frage, ob deine kapitalgedeckte Rente besser wäre als eine Umlagerente. In beiden Fällen kommt es auf die Bedingungen an. Sie erwarten vermutlich die sonst üblichen Argumente, dass die Umlage aufgrund der demografischen Entwicklungen nicht mehr funktioniere und ein Rentensystem nur  noch mit der Kapitaldeckung zu lösen sei. Weit gefehlt! Die Kapitaldeckung versicherungsförmiger Einrichtungen für Betriebsrenten machen aufgrund schwacher Zinsen auf den Finanzmärkten ernsthafte Probleme. Aufgrund der festgefahrenen zerbrechlichen Finanzpolitik ist in Europa kaum eine Perspektive zu erwarten, auch wenn inzwischen Inflationsgefahren eine Zinssteigerung erfordern würde.

 

Seither gibt es kaum mehr sichere hochverzinste Wertpapiere. Diese werden jedoch für die Planungsgenauigkeit der Zahlungstermine einer Versicherung benötigt. Was bleibt, das sind die Kosten. Das vermeintliche Förderprinzip wird allseitig zur verschwenderischen Verlustfalle, außer für Finanzkonzerne und Versicherungsgesellschaften.

 

Die vermeintliche Lösung der Garantiefreiheit in Form einer unbestimmten Betriebsrente kann kaum eine saubere Lösung für politische Rentenprobleme darstellen. Kaum wahrgenommen, stellt sich die Versicherungsform als Versorgungssystem grundsätzlich selbst in Frage. Neigt man zu riskanteren Anlagen, sollte das nicht unter den Deckmantel einer vermeintlichen Versicherung geschehen.

 

Eine spekulative Anlage hat im Grunde im arbeitsrechtlichen Bereich nichts verloren. Der Arbeitnehmer kann dabei in Krisensituationen nicht angemessen eingreifen und zum Beispiel das Vermögen umschichten. Erst recht nicht, wenn Arbeitsgerichte immer wieder klar machen, dass Arbeitgeber keine Anlageberater seien. Doch der Gesetzgeber hat es eingerichtet, als wäre es so. Das Nachsehen haben im Streitfall die Arbeitnehmer*innen.

 

Ein umgewandeltes Entgelt entstammt einem Entgeltanspruch, der nicht ohne weiteres in ein vages unverbindliches Versprechen umgewandelt werden sollte. Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten jahrelang für ein Versprechen, dass Ihr Arbeitgeber irgendwann eine Naturalie wie ein Auto gewähren würde. Sie hätten jedoch keinen konkreten Anspruch darauf, dieses Fahrzeug in seinen Eigenschaften verbindlich näher zu bestimmen. Sie könnten anstatt einem verdienten großen Haufen Geld einen kleinen Haufen Schrott bekommen.

 

Es ist absurd und widersprüchlich, dass Arbeitnehmer*innen mit Ihren Einzahlungen bis zur Rente fest gebunden sind, weil sie das Vermögen vermeintlich nicht verantwortlich bis zur Rente bewahren könnten, aber die Versicherungsunternehmen keinerlei Verbindlichkeit haben, das Kapital in vorbestimmter Weise zurück zu liefern. Noch absurder ist es, dass Arbeitnehmer*innen nach Gesetz nur abstrakt bestimmen sollen, in welche Anlageart fremdverwaltet investiert wird, ohne eine weitere Eingriffsmöglichkeit auf das Kapital zu haben.

 

Es ist eine rein formale Haftungsübernahme der Arbeitnehmer*innen für eine freie Willkür der Versicherungsunternehmen. So sollten Bürger nicht an Risikoanlagen heran geführt werden. Besonders bedenklich ist hier, dass nach meiner Auffassung keine Versorgung mehr im rechtlichen Sinne vorliegen kann. Wenn das Versorgungskapital nicht bestimmt oder verloren werden kann, dann kann auch keine vorbestimmte Rente als Sicherung eines biometrischen Risikos bestimmt sein. Der reine Umwandlungsvorgang eines unbestimmten Kapitals in eine ebenso unbestimmte Leibrente löst kein biometrisches Risiko des Versorgungsbedarfes. Das „Konzept einer garantiefreien Zielrente“ zeigt die Hilflosigkeit einer Politik und die Interessendurchsetzung der Versicherungsgesellschaften, welche diesen Bedarf offensichtlich nicht mehr bedienen können.

 

Zusammengefasst bedeutet das:

  • Die Arbeitnehmer*innen sollen eine langfristig eine intransparente wie abstrakte Anlageentscheidung treffen, die sie nicht verstehen.

  • Sie sollen dabei die Haftung für das bereitgestellte Vermögen übernehmen, auf das sie keinen Einfluss mehr haben.

  • Sie lösen dafür den verbindlichen Anspruch auf das jeweilige Entgelt für die dem Arbeitgeber abgegebenen Leistungen unwiederbringlich auf.

  • Die Arbeitnehmer*innen erhalten das unverbindliche Versprechen einer fremdverwalteten spekulativen Geldanlage unter der falschen Einordnung einer Versorgung.

Wie diese Gesetzgebung widersinnig zur wahren Sachlage konzipiert ist, zeigt sich daran, dass die BAFIN als Aufsichtsbehörde immerhin den Vertrieb für marode Einrichtungen einstellen lässt, um den Schaden zu begrenzen. So müsste eine Regierung auf das erkannte Problem reagieren. Stattdessen wurde das Betriebsrentenstärkungsgesetz erlassen, um noch mehr Geld in dieses Fass ohne Boden zu schütten. Das bedeutet, der Schaden wird am Ende noch größer.

 

Welche Alternativen kann es geben?

 

In einigen europäischen Nachbarländern werden nicht nur schlüssigere Kapitaldeckungskonzepte für Staatsfonds entwickelt, sondern auch üppige Umlagerenten möglich gemacht. Die Kapitaldeckung ist offensichtlich nicht alternativlos. Der Unterschied ist keinesfalls kompliziert, dafür durchaus akzeptiert.

 

Es gibt eine breite Beteiligung am System, auch von Selbständigen und Beamten. Zudem werden die Beiträge nicht wie in Deutschland in der Höhe begrenzt. Hinzu kommt, dass die Regierungen dieser Länder keine Angst davor haben, die Beiträge dafür anzupassen. So lässt sich erklären, dass es in Nachbarländern wie Österreich 14 Monatsrenten im Jahr gibt, die im Niveau deutlich höher sind als in Deutschland.

 

Das kann auch für die Beitragsleistenden zum Gewinn werden, wenn sie dafür beim Einkommen hinreichend durch Steigerungen am Wachstum beteiligt werden. Das rechnete bereits Professor Gerd Bosbach vor. Er ist ehemaliger Mathematiker im Bundesamt für Statistiken gewesen. Hier erscheint ein weiterer Aspekt. Professor Gerd Bosbach machte seine Meinung darüber öffentlich, dass die politischen Aussagen zur demografischen Entwicklung verfälscht sind. Dadurch entstehe der Eindruck, dass die Defizite der Umlagerente in Kürze schlafartig eintreten.

 

Das entspreche jedoch keiner Grundlage, die aus der Vergangenheit herangezogen werden könne. Die jährlichen Veränderungen wären so gering, dass Anpassungen kaum bemerkt werden würden. 

 

Irrtum #5: Betriebliche Altersversorgung wird gefördert

Beim ersten Blick auf eine Lohnabrechnung nach einer Entgeltumwandlung am Beispiel einer Direktversicherung scheint es eindeutig zu sein:

  • Ersparte Einkommenssteuer
  • Ersparte Sozialabgaben
  • Arbeitgeberzuschuss 15 Prozent des Beitrages

Per Berechnung kommt man häufig auf einen Zuschuss in Höhe von ca. 65 Prozent. Das erscheint eine unschlagbare Zusatzrendite zu sein. Kann die Entgeltumwandlung überhaupt noch zu einem schlechten Ergebnis kommen? Ja – kann sie!

Es ist sogar wahrscheinlich, dass Sie trotz dieser hohen Zusatzaufwendungen einen Verlust oder zumindest ein sehr schlechtes Geschäft machen.

 

Diese Darstellung ist eine so typische Halbwahrheit, die relevante Aspekte bewusst ausblendet. Es ist für einen schlecht informierten Arbeitnehmer sehr schwer, sich dieser Manipulation zu entziehen. Diese Zuschüsse wäre wirklich eine sinnvolle Förderung, wenn diese auf ein Konto fließen würden, welches nur für Sie bestimmt ist und ein paar angemessen geringe Kosten hätte. Das ist bei einer versicherungsförmigen Betriebsrente nicht der Fall, denn Sie haben kein Konto und das Geld inklusive Zuschuss gehört der Versicherung und nicht Ihnen. Sie bekommen dafür eine sogenannte Anwartschaft, das heißt ein Recht auf eine entsprechende Rente, sofern diese wirklich garantiert ist. Haben Sie diese auf den wirtschaftlichen Sinn genau geprüft?

 

Natürlich weisen die Angebote und Verträge Werte aus, die keinen Kontostand sondern sogenannte Rückkaufswerte darstellen. Wie der Begriff schon sagt, verkaufen Sie die Rente an die Versicherungsgesellschaft zurück. Glauben Sie, die Versicherung beschenkt Sie dabei großzügig? Sicher nicht! Doch wie schlägt eine solche Versicherungsgesellschaft mit Kosten zu? In den ersten fünf Jahren können bis zu 9 Prozent effektive Kosten p. a. ein sattes Minus herbeiführen. Die vermeintlichen Renditen sind beim genauen Hinsehen geprahlt und unverbindlich. Es dauert zum Beispiel bei Metallrentenverträgen über 15 Jahre (!!!) bis die Einzahlungen  bei einer kalkulatorisch sicheren Rendite die Kosten wieder aufgeholt haben. Das ist jedoch nicht das einzige Problem. Mit der Rentengestaltung kann Ihnen locker ein Drittel des Vermögens wieder abgenommen werden.

 

Es sieht bereits jetzt nach einem heftigen Verlust aus. Doch das dicke Ende kommt noch:

 

Sollte diese Direktversicherung Verluste bescheren, schlagen zusätzlich die nachträglichen Abgaben und Steuerverbindlichkeiten zu. Trotz Freibeträge kann dies zu empfindlichen Verlustverstärkungen führen. Beispielsweise werden Entgeltumwandlungen im Sinne des § 3 Nr.63 EStG bei Versorgungsbezug gem. § 20  Nr. 5 Satz 1 EStG nachträglich voll besteuert. Dabei ist es unerheblich, ob es bei dem Deckungskapital oder der Betriebsrente überhaupt Überschüsse gegeben hat. Trotzdem bilanziert auch der Staat in diesem Fall einen Verlust. Der Staat bekommt die „vorfinanzierten Steuern und Abgaben“ nicht in voller Höhe zurück.

 

Das Verkaufsargument ist hierzu häufig: die Rente sei allgemein geringer besteuert, als das Regeleinkommen aus der Arbeit. Das ist jedoch eine unzulässige Aussage. Gerade bei jungen Menschen steigert sich das Einkommen erst im Laufe der Lebensarbeitszeit. Das heißt, erst gegen Beginn des Ruhestandes erwächst die höchste Steuerbelastung. Wenn sie dabei erst 2040 in Rente gehen, dann tragen sie für 100 Prozent der gesetzlichen Rente Einkommenssteuer (nach einem Freibetrag). Im Jahr 2020 beträgt der Anteil immerhin bereits 80 Prozent, wenn in diesem Jahr der Renteneinstieg erfolgen würde. In der Praxis ist die Steuerbelastung besonders bei Kapitalzahlungen aufgrund einer unverminderten Progression extrem hoch. Eine weit verbreitete Täuschung ist die nachgelagerte Berechnung mit Durchschnittssteuersätzen. Wie bei der Entgeltumwandlung muss korrekterweise mit sogenannten Grenzsteuersätzen gerechnet werden.

 

Die betriebliche Rente wird im Bezug zusätzlich durch den § 229 Abs.1 Nr. 5  SGB V mit Beiträgen (GKV/PV)belegt. Systemisch gesehen, ist die Steuer- und Abgabenlast von der Ansparungszeit in die Zukunft des Rentenbezuges verlagert. Bei Altverträgen der Direktversicherungen gem. § 40b aus laufendem Entgelt kann sogar eine vor- und nachgelagerte Belastung entstehen. In der Rente fehlt es jedoch an einem Arbeitgeber, der die jeweilige Hälfte der Beiträge für Krankenversicherung und Pflegeversicherung übernimmt. Über einem Freibetrag hinaus verdoppelt sich dadurch diese Abgabenlast. Das hat bei einigen bereits üble Verluste beschert.

 

Zusammengefasst bedeutet das, ein vermuteter Vorteil wäre nur unter der Bedingung denkbar, dass die Direktversicherung insgesamt eine hinreichende echte (effektive) Rendite abwirft. Wäre die Rendite hoch genug, wäre ein Vorteil im Sinne eines sogenannten Gewinnhebels durch die vorgelagerte Steuer- und Abgabenersparnis gegeben. Genau das ist jedoch dramatisch zunehmend das Problem. Die dafür notwendigen Renditen sind immer schwerer zu erreichen. Die Kosten werden jedoch weiter abgerechnet. Einen sicheren Gewinn macht nur die Versicherungsgesellschaft.

 

Macht jedoch die Direktversicherung keinen Gewinn oder gar Verluste, dann liegt hier keine Förderung, sondern eine Verlustverstärkung vor. Das ist vor dem Hintergrund brisant, dass neuerdings Direktversicherungen die Garantien nur noch unter der Beitragsleistung gewähren wollen. Das bedeutet die sichere Planung liegt im Verlust und damit in der Verlustverstärkung durch die nachgelagerten Einkommensteuer- und Abgabepflichten. In sonst üblichen Verfahren würden nur Ertragsanteile besteuert werden. Das bedeutet, ohne Erträge gäbe es auch keine Steuerlast.

 

Somit stellt sich das vorliegende nachgelagerte Steuer- und Abgabenverfahren als nachteilig heraus. Das staatlich aufgewendete Geld verpufft ohne Wirkung. Doch auch Sie brauchen starke Sozialeinrichtungen wie eine gut finanzierte Krankenkasse oder Pflegeversicherung. Neben Ihren persönlichen Nachteilen werden zusätzlich diese Einrichtungen geschwächt. Politisch wird dieses gefährliche Verlustkonzept als „Förderung“ verkauft und noch einmal in Richtung Abgrund gepuscht (BRSG). Die Finanz- und Versicherungskonzerne haben dagegen Ihr persönliches Entgelt über die Politik im festen Zugriff! 

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