Die fünf Mythen der betrieblichen Altersvorsorge

Autor: Dirk Feldhinkel

Stand 06.04.2020

Das Trugbild der Entgeltumwandlung

Ein fliegendes Pferd als Symbol für das Trugbild der Entgeltumwandlung
Ist die Entgeltumwandlung auch nur ein Trugbild wie dieses?
Bild von vishnu vijayan auf Pixabay

Erfahren Sie hier, was die heutige betriebliche Altersversorgung wirklich ist. Wie Sie dazu manipuliert werden, eine Entgeltumwandlung abzuschließen und was am Ende aus Ihren hohen Erwartungen gemacht wird. Es sind trügerische Wunschbilder, an denen Finanzkonzerne mit politischer Unterstützung verdienen.

 

Die Entgeltumwandlung sollte die Lösung als "Perpetuum mobile" gegen die demografischen Probleme der gesetzlichen Rente werden. Der Glaube: Man lenkt Teile des Entgelts nur in Finanzprodukte um und ohne Zutun ist die Rente gesichert. Ein großer Irrtum, wie sich heute zeigt. Durch die lang anhaltende Renditeschwäche, Nullzinspolitik und die Zunahme von Risiken läuft man unbeirrt einem großen Finanzdefizit in den Versorgungseinrichtungen entgegen. Trotz aller offener Probleme hält die Politik an diesem Konzept fest und verstärkt damit das Problem auf Kosten der gesetzlichen Rente. Wie ist das möglich?

 

Es sind die kaum zu erschütternden Mythen, die sich geradezu festgesetzt haben und reflexartig zugeworfen werden. Eine freie Gesellschaft sollte sich das freie Denken erlauben. Dazu gehört, dass Aussagen und Behauptungen hinterfragt werden. Die Realität ist das, was am Ende wirklich funktioniert oder nicht funktioniert und nicht das, was eine Mehrheit sagt. Genau diese Realität schlägt inzwischen gnadenlos zurück. Immer mehr Auszahlungen zeigen nach Abzügen eine wirtschaftliche Unterdeckung, sofern man eine Entgeltumwandlung als gefördert betrachtet.

Wie Sie fünf mal zu Ihrem Nachteil manipuliert werden!

Mythos #1: Betriebliche Altersversorgung muss erhalten werden

Diese Aussage wird aktuell nicht nur in der Politik inflationär  um sich geworfen und die meisten stimmen sofort zu.  Warum eigentlich? Das Widersprüchliche ist, dass der Anlass für diese politische Kampagne das offene Versagen dieses Konzeptes ist. Viele Betriebsrentner und Direktversicherte bekamen bei Auszahlungen neben Steuerabzügen die volle Belastung von Sozialabgaben im Sinne des  § 229 Abs.1 Nr. 5 des Sozialgesetzbuch V zu spüren. Es war wohl für die meisten nicht schwer, mit einem gewöhnlichen Taschenrechner nachzurechnen und festzustellen, dass deutlich weniger herausgekommen ist, als Beiträge eingezahlt wurden. Unter der Annahme einer Förderung hatte man bei Vertragsabschluss mit solchen nachträglichen Belastungen nicht gerechnet.

 

Die wundersame Geldvermehrung ist flächendeckend gescheitert. Doch das ist erst der Anfang, denn diese alten Verträge liefen lange Zeit noch unter besseren Bedingungen wie höheren gesetzlichen Garantiezinsen und einer noch nicht vorhandenen Nullzinspolitik. Was wird aus den Verträgen, die im Zukunft zur Auszahlung anstehen?

 

Wenn mit einem solchen hohen Aufwand durch Verzicht auf Sozialabgaben das eingezahlte Geldvermögen verringert wird, dann ist dadurch eine Lösung der gesetzlichen Rentenproblemen kaum möglich. Anstatt einer systemischen Prüfung der Entgeltumwandlung erfolgt durch Politiker ein hektischer Reparaturversuch: das Betriebsrentenstärkungsgesetz. Dieser scheint bereits jetzt kläglich gescheitert zu sein. Eine dünne Freibetragsregelung auf Kosten der Krankenkassen soll den Zorn auf die vollen Beiträge für Kranken- und Pflegeversicherungen im Versorgungsbezug lindern. "Ein kleines Pflaster auf einem Wundbrand." 

 

Gerade solche Fehlentwicklungen könnten endlich der Anlass dafür sein, dieses politische Konzept einmal grundsätzlich zu überdenken. Warum lassen sich die Bürger jedoch so einfach täuschen?

Es ist schlicht die Voreinstellung, die wir durch eine längst überholte Erfahrung bekommen haben.

Die betriebliche Altersversorgung erzeugt eine tief eingeprägte positive Vorstellung, weil sie ursprünglich von großen Arbeitgeberkonzernen als unternehmerische Sozialleistung zur Mitarbeiterbindung und Motivation genutzt wurde.

 

Es ist die Erinnerung daran, dass ein Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer durchaus mit Erfolg durch eine soziale Partnerschaft die Leistungsbereitschaft fördert. Es ist die erfolgreiche "Wir-Bindung", durch die große Konzerne bis heute profitieren. Dafür hatte jedoch das Unternehmen auf einen Teil des Gewinns freiwillig verzichtet. Genau das machte den Charme dieser Einrichtung aus.

 

Dieses Konzept wurde jedoch mit der leichtfertigen Idee der sogenannten Entgeltumwandlung politisch gekapert. Die Entgeltumwandlung ist an dem Ursprung gemessen eine „unechte“ betriebliche Altersversorgung. Denn sie stammt nicht aus dem unternehmerischen Gewinnverzicht, sondern aus dem Verdienstanspruch des Arbeitnehmers. Schon darin steckt ein Selbstbetrug.

 

Zudem entstehen hierdurch zahlreiche Dienstleistungen und damit Kosten. Die Befreiungen der Zahlungen von Abgaben und Steuern schwächen mit jeweils sofortiger Wirkung die Sozialkassen zum Nachteil des Arbeitnehmers. Sie verlieren sofort bei jeder von Steuer und Beitrag befreiter  Entgeltumwandlung (§ 3.Nr. 63 EStG) Liquidität. Dadurch verringern sich zudem Ansprüche aus diesen Versorgungssystemen. Entgeltersatzleistungen, Renten und Leistungen bei Arbeitslosigkeit sinken dem entsprechend. 

 

Das steht im krassen Widerspruch dazu, dass diese Systeme geschont bzw. gestärkt werden sollen. Die sogenannten Förderungen kommen wie das Kapital praktisch aus dem „eigenen Fleisch“ des Arbeitnehmers. Die sozialen Abgaben werden dabei nicht erlassen, sondern in das Rentenalter unter den Bedingungen der Versorgungsbezüge verlagert. Gehört es nicht zu einem freien Markt, dass ein Produkt vom Markt verschwindet, wenn es nichts taugt.

Mythos #2: Betriebliche Altersversorgung ist die zweite Renten-Säule

Diese Annahme hat aus staatsökonomischer Sicht eine besondere Gefährlichkeit. Denn dafür müssten die richtigen Bedingungen herrschen. Insbesondere wären für jeden gleiche Bedingungen notwendig. Das setzt eine hinreichende Transparenz und Bewegungsfreiheit eines funktionierenden Marktes voraus.

 

Wenn jedoch durch große Gewerkschaften Branchen mehr oder weniger mit einem jeweiligen Versorgungsmonopol besetzt werden, dann bleibt von einem Wettbewerb praktisch nichts mehr übrig.

Zudem sollen Arbeitnehmervertreter mit Gewerkschaftsprodukten oder Brancheneinrichtungen im Hintergrund immer stärker die Entscheidungen des Arbeitnehmers vorwegnehmen oder zumindest beeinflussen. Das versucht zumindest das Sozialpartnermodell des Betriebsrentenstärkungsgesetzes zu erreichen.

 

Der Idealfall besteht jedoch aus einer arbeitgeberfinanzierten betrieblichen Rente eines finanziell stabilen Unternehmens. Dafür ist in der Regel zumindest eine gewisse Größe und Leistungsfähigkeit des Unternehmens notwendig. Die Hauptsäule der Wirtschaft besteht hingegen zum großen Teil aus dem kleineren Mittelstand. Wer wie hoch über eine solche Zusatzrente verfügt, ist also purer Zufall bzw. vom  eigenen Marktwert im Arbeitsmarkt abhängig. Deshalb ist es unseriös, diesen Bestandteil politisch als feste Größe zur gesetzlichen Rente einzukalkulieren.

 

Bei der Entgeltumwandlung  ist man wiederum als Arbeitnehmer davon abhängig, was einem geboten wird. Das ist nicht unbedingt die Bandbreite eines freien Marktes, sondern von vielen Interessen abhängig, wie zum Beispiel die Bevorzugung eines Gewerkschaftsproduktes oder die Rabatte eines Industrieversicherers. Der Unterschied der Betriebsrenten wird deshalb davon bestimmt, in welcher Branche man arbeitet, bei welchem Unternehmen man beschäftigt ist und zu welcher Versorgungseinrichtung man Zugang hat. Auf diese Unterschiede hat nicht jeder Arbeitnehmer beliebig Einfluss. Erst recht nicht, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmervertreter immer mehr entscheiden, wie das Versorgungskonzept aussehen soll und wie viel bezahlt wird.

 

Entscheidungsfreiheiten werden praktisch aus den Händen der Arbeitnehmer genommen. Die höchsten Risiken tragen die Geringverdiener renditeschwacher Branchen, weil keine finanzstarken Konzerne mit Milliardenzuschüssen Brancheneinrichtungen sanieren können. Bei diesen ungleichen Bedingungen der Arbeitnehmer darf man zumindest moralische Bedenken haben, wenn man von einer Rentensäule spricht. 

 

Das Hauptproblem ist jedoch, dass bei den versicherungsförmigen Einrichtungen durch die Anlagevorschriften in Verbindung mit einem maroden Zinsmarkt die Anwartschaften langfristig kaum mehr zu decken sind. Die BAFIN (Bundesaufsichtsbehörde für Finanzdienstleistungen) hat inzwischen zahlreiche Einrichtungen unter Beobachtung gestellt. Einige Einrichtungen mussten durch enorme Zuschüsse von finanzstarken Arbeitgebern saniert werden. Bei anderen erfolgte inzwischen sogar ein Vertriebsverbot zur Schadensbegrenzung. Das dürfte jedoch erst der Anfang sein, denn offensichtlich ist man in der Politik bemüht, dieses Problem unter den Deckel zu halten, damit die Entgeltumwandlung nicht grundsätzlich in Fragen gestellt wird.

 

Noch deutlicher wird das Problem beim sogenannten Sozialpartnermodell nach dem Betriebsrentenstärkungsgesetz. Hier gibt es eine reine Beitragszusage. Das heißt übersetzt, die Versorgungseinrichtung legt das Geld irgendwie an, aber weder Arbeitgeber noch Versorgungseinrichtung können dafür zur Verantwortung gezogen werden, wenn von den Arbeitnehmerbeiträgen wenig oder nichts mehr übrig bleibt. Es ist die vorweggenommene Erlaubnis, ein Renten-Desaster anzurichten. 

 

Deutlicher kann der systemische Ausfall des Konzeptes der Entgeltumwandlung kaum gemacht werden. Die Entgeltumwandlung ist bei Versagen keine zweite zusätzliche Renten-Säule, sondern eine zusätzliche Schädigung der bereits bedrohten gesetzlichen Rente.

Mythos #3: Betriebliche Altersversorgung bekämpft Altersarmut

Es ist einer von vielen Irrtümern der Politik, wie Altersarmut zu bekämpfen sei. Es fehlt an dem politischen Verständnis, wie Armut oder Mangel in der Lebenspraxis funktioniert. Dadurch arbeitet die

deutsche Politik fortwährend mit einer Wohlstandsförderungssystematik, die vorhandenen Wohlstand ausbaut und dafür verfügbare Ressourcen für Armutsbekämpfung opfert. Es sind immer wieder die

Zuschuss- oder Steuer- und Abgabenerlassmodelle, die versagen.

 

Diese häufig fehlleitende Systematik richtet sich sogar gegen politische Systeme. Zum Beispiel können

notleidende Kommunen bereitgestellte Zuschüsse nicht abrufen, weil das nötige Investitionskapital fehlt. Das gleiche passiert natürlich, wenn ein Mensch mit geringem Einkommen nichts mehr für die Altersversorgung investieren kann. Dann helfen zum Beispiel die besten Zuschüsse einer Riester-Förderung nichts. Aus Armutsbekämpfungen werden luxuriöse Mitnahmeeffekte für einen wohlhabenden Mittelstand. Das wird mit Deckelungen allenfalls gemildert, jedoch niemals verhindert.

Ein Beispiel dafür ist auch die sogenannte Riester-Rente. Die indirekt geförderten gering Verdienenden haben hier einen verschwindend geringen Anteil der Verträge. Der Schwerpunkt der Verträge liegt offensichtlich in wohlhabenden Haushalten mit Kindern, auch wenn die Politik versucht das statistisch zu kaschieren.

 

Gleiches geschieht bei dem Modell der Steuer- und Abgabeneinsparung. Je höher das Einkommen ist, desto höher sind Steuern und Abgaben. Dadurch wirken sich dort Einsparungen besonders günstig aus. Hier ist wird zum Beispiel das steuerliche Progressionskonzept auf den

Kopf gestellt. Je höher das Einkommen ist, desto höher soll die solidarische Belastung sein. Bei einem Steuererlass, wie zum Beispiel bei der Entgeltumwandlung im Sinne § 3 Nr. 63 EStG ist demzufolge die Entlastung höher, je höher das Einkommen ist. Automatisch wird derjenige stärker gefördert, der das

bessere Einkommen hat.

 

Wenn dann per Gesetz Mitnahmeeffekte durch eine engmaschige Regelung verhindert werden sollen, dann führt es in der Regel dazu, dass die Förderung praktisch nicht mehr funktioniert. Anstatt mit komplizierten Gesetzesergänzungen Lösungen zu verschleppen, müsste die gesetzgebende Politik versagende Systeme grundsätzlich auf den Prüfstand nehmen. 

Mythos #4: Betriebliche Altersvorsorge ist besser als das Umlagesystem

Genaugenommen geht es um die Frage, ob das Kapitaldeckungsverfahren besser sei, als das Umlageverfahren der Generationen. Eine abschließende Antwort darauf gibt es nicht. Beide Verfahren

haben Vor- und Nachteile. Beide Verfahren haben ernsthafte Schwierigkeiten und Risiken, auch wenn sie über viele Jahre funktioniert haben. Die Verfahren haben sich wenig geändert, jedoch die Bedingungen, unter denen sie funktionieren sollen.

 

Das Kapitaldeckungsverfahren, das heißt die Ansparung des Deckungskapitals für eine Leibrente, unterliegt typischen Risiken des Kapitalmarktes. Hinzu kommen Bewertungsprobleme durch stille Reserven und zum Teil intransparente Kosten, die es einem Verbraucher kaum ermöglichen, sein Produkt seriös zu bewerten. 

 

Die Risiken der Finanzmärkte versucht die Politik durchaus für Verbraucher zu mildern, indem zum Beispiel Regeln für Versicherungen zum Schutz vor Totalausfällen festgelegt werden. Solche Institute unterliegen zudem staatlicher Aufsicht mit sichernden Regelungen. Doch genau das ist inzwischen das Problem. Zur Absicherung benötigt es Kapitalstöcke, die einem volatilen, das heißt veränderlichen Markt  entzogen sein müssen.

 

Es müssen dadurch liquide Stöcke zu niedrigsten bzw. praktisch ohne Zinsen angelegt werden. Hinzu kommt die Pflicht, hohe Anteile im Rentenmarkt anzulegen. Durch die Geldflutung der europäischen Zentralbanken liegen diese Märkte völlig am Boden. Zwangsläufig fressen die Kosten die Renditen auf, wenn stille Reserven immer mehr aufgebraucht sind. Das Konzept hat somit zwangsläufig ein Ablaufdatum.

 

Die heutige Politik trägt heute jedoch schwer daran, auf solche Entwicklungen zu reagieren. Für einen „schlanken Staat“ wurden seit Jahrzehnten die eigenen fachlichen Kompetenzen abgebaut. Die Regierung ist dadurch schwerfällig geworden. Man hat sich von Lobbygruppen als vermeintliche Ratgeber abhängig gemacht. 

 

Die Finanzkrise 2008/2009 wurde durch staatliche Aufsichten nicht aufgehalten, wobei gerade deutsche Banken zu den Verursachern dieser weltweiten Krise gehörten. Die Nullzinspolitik der Zentralbanken ist das Ergebnis daraus. Der Schaden durch den Mangel an Renditen setzt sich bei den vorsorgenden Bürgern in den Anlageprodukten bis heute fort. Widersprüchlich propagiert man politisch die Pflicht der eigenen Vorsorge, welche hart gegen die zwanghafte Konsumgeldpolitik der Zentralbanken ankämpfen muss.

 

In einer Notreaktionen schüttet der Gesetzgeber wieder Geld in die betriebliche Altersversorgung dazu, wie das Betriebsrentenstärkungsgesetz aufzeigt. Diese widersprüchlichen Maßnahmen sind kurzfristig und verschwenderisch. Es wird offensichtlich mehr Geld in die zukünftige Verlustanlage geschüttet, um das systemische Versagen der Entgeltumwandlung zu kaschieren. Höhere Beiträge lösen jedoch höhere Anwartschaften aus, soweit Garantien gültig sind. Sind diese Anwartschaften langfristig nicht mehr gedeckt, wurde das Problem mit diesen Maßnahmen vergrößert.

 

Das Umlagesystem leidet dagegen unter dem sogenannten demographischen Faktor. Damit ist gemeint, dass durch immer schwächer werdende Geburtenjahrgänge laufend weniger Arbeitnehmer zunehmend mehr Rentner der geburtenstarken Jahrgänge bezahlen müssen. Denn so funktioniert die Umlage: Die heute abgeführten Rentenbeiträge leisten die Renten von heute. Die Rente der heutigen Beitragszahler wird später von den dann arbeitenden Beitragszahlern bezahlt. 

 

Das Problem geburtenschwacher Jahrgänge ist jedoch kein Naturgesetz. Inzwischen steigen wieder Geburtenzahlen, möglicherweise durch eine veränderte Familienpolitik. Es wird auch einmal ein geburtenschwacher Jahrgang in Rente gehen. Es könnte sich das Verhältnis wieder etwas verschieben.

Die Kapitaldeckung ist demzufolge nicht die einzige mögliche Korrekturmaßnahme. Die Umlagerente leidet zudem unter zahlreichen versicherungsfremden Leistungen. Das bisherige System müsste längst auf den Prüfstand.

 

Es ist durchaus naheliegend, eine in Staatsverwaltung durchgeführte Kombination von Umlagesystem und kapitalgedecktem System einzurichten.  Warum soll jedoch die kapitalgedeckte Lösung unbedingt zu unterschiedlichsten Bedingungen über privatwirtschaftliche Betriebe geleistet werden? Diese Frage konnte bisher keiner seriös beantworten.

 

Hinzu kommt, dass durch eine verbleibende Unlösbarkeit der jeweiligen Probleme eine dritte Möglichkeit in den Blick fallen müsste, die es bereits gibt. Es ist der Zuschuss aus dem Bundeshaushalt, der jedoch bislang nur als Rettung für die Unzulänglichkeiten der bisherigen politischen Ansätze gesehen wird. Jede Form der Wirtschaftsleistung und den damit verbundenen Gewinnen basiert auf unserem geordneten Staatssystem inklusive der Infrastruktur, Ausbildungsleistungen und rechtlichen wie politisch stabilen Bedingungen. Warum sollte ein hoch automatisierter Betrieb, der darauf zurückgreift und dagegen wenig Personal hat, die niedrigste Belastung haben? Eine ordentliche unter gleichen Bedingungen gerechte Steuer- bzw. Abgabenlösung könnte ein dritter Bestandteil zur Stabilisierung des Rentensystems sein. 

Mythos #5: Betriebliche Altersversorgung wird gefördert

Auf den ersten Blick scheint es eindeutig zu sein. Wenn bei der Entgeltumwandlung die anteiligen Steuern und Sozialabgaben erspart werden und in den Beitrag der Ansparung fließen, dann kann sich  die Zuführung in das Deckungskapital je nach Einkommen im Vergleich zum Netto-Sparen praktisch verdoppeln. Hinzu kommen verpflichtete und freiwillige Arbeitgeberzuschüsse.

Die Sache scheint auf den ersten Blick klar zu sein. Doch das ist eine perfide Täuschung, die im Vertrieb der Entgeltumwandlung so vorgenommen wird. Der Arbeitnehmer bekommt suggeriert, er hätte ein Anlagekonto welches durch die Steuer- und Abgabenerlass gefördert wäre. Das ist falsch!

 

Der Arbeitnehmer gibt sein Entgelt dem Arbeitgeber quasi zurück und erhält rechtlich gesehen eine Anwartschaft auf eine Rente. Der Wegfall der Steuern und Abgaben ist somit keine Förderung, sondern systemisch bedingt. Denn Steuern und Abgaben werden im Versorgungsbezug unter den entsprechenden Bedingungen nachgeholt.

 

Die Anwartschaft selbst ist zudem nicht mit dem eingezahlten Kapital gleichzusetzen. Es gehen zahlreiche Kostenpositionen davon ab, die meist in den ersten Jahren verrechnet werden. 

Das Anwartschaftskonto steht demzufolge bei den meisten versicherungsförmigen Produkten auf in den ersten Jahren auf 0 Euro. Nach einer Analyse einer aktuellen Police der Metallrente ergab sich anhand der Kostenstruktur und veröffentlichten Barwertrenditen ein Vorlauf von ca. 8 Jahren, bis die Einzahlungen einen ersten Überschuss erzielen würden. Bei anhaltend schlechten Märkten oder in Krisen werden diese optimistischen Renditen dauerhaft kaum zu halten sein. Hinzu kommt eine schlechtes Verhältnis des Rentenbarwerts zur Rentenzahlung. Das Ergebnis ist der Austausch des Entgelts in eine kritikwürdige Rente. 

 

Diese Rente wird im Bezug unter den entsprechenden Bedingungen des Einkommensteuergesetzes und dem § 229 Abs.1 Nr. 5  SGB mit Beiträgen belegt. Systemisch ist die Abgabenlast in die Zukunft verlagert. Bei Altverträgen der Direktversicherungen gem. § 40b aus laufendem Entgelt kann sogar eine vor- und nachgelagerte Belastung entstehen. In der Rente fehlt es jedoch an einem Arbeitgeber, der die jeweilige Hälfte der Beiträge für Krankenversicherung und Pflegeversicherung übernimmt. Über einem Freibetrag hinaus verdoppelt sich dadurch diese Abgabenlast.

 

Eine Förderung würde sich demzufolge finanzmathematisch nur unter der Bedingungen hoher Beitragsrenditen ergeben. Davon sind versicherungsförmige Produkte absehbar weit entfernt. Schlimmer noch, es sind aufgrund der schlechten Bedingungen in zunehmender Zahl Einrichtungen nicht in der Lage die garantierten Leistungszusagen zu decken.

 

Die Betriebsrenten werden zudem als Einkommen voll besteuert. Das Verkaufsargument hierzu ist häufig: die Rente sei in der Regel geringer besteuert, als das Regeleinkommen aus Arbeit. Das ist jedoch Monokausal. Gerade bei jungen Menschen steigert sich das Einkommen erst im laufe der Lebensarbeitszeit. Das heißt, erst gegen Beginn des Ruhestandes erwächst die höchste Steuerbelastung. Hinzu kommt, dass gerade die Deckung einer Rentenlücke zwangsläufig das Niveau der Steuerbelastung wiederum erhöht bzw. erhält. Kommen dazu Beiträge für die gesetzliche Krankenkasse und Pflegeversicherung, dann sieht die Rechnung schnell völlig anders aus.

 

Spätestens an dieser Stelle sind die heutigen Politiker völlig überfordert. Nach dem Protest darüber  wurde die Angelegenheit doppelter Beiträge politisch als „unmöglich“ angesehen, als sei dies ein Versehen gewesen. Mit hoher Emotionalität wurden Versprechen zur Abschaffung der doppelten Beiträge gemacht. Das erwies sich schnell als Bumerang, denn dahinter steht eine systemische Idee, die nicht so leicht abgeschafft werden kann wie sie angeschafft wurde. Zumindest nicht, ohne dauerhaft finanzielle Folgen auszulösen. Das wird sich auch bei dem neu eingerichteten Freibetrag zeigen, der bisher nur durch die Reserven der Krankenkassen finanziert wird.

  

Die Erfinder der nachgelagerten Belastung wollten den Staat offensichtlich mit den Renditeversprechen der Finanzkonzerne sanieren. Denn es wäre sonst nicht zu erklären, dass durch die vermeintliche Förderung der Entgeltumwandlung Beitragsansprüche der Sozialsysteme bis heute in schlechte Finanzprodukte umgeleitet werden. Demnach versucht man bis heute durch diese politische Regelung diese Abgaben nachträglich mit Gewinnen zurück zu bekommen. Praktisch wie ein Kreditgeber. Diese Rechnung geht durch den schlechten Zinsmarkt nicht auf. 

 

Die Gewinne sind zunehmend zu gering oder bleiben inzwischen aus. Stattdessen fallen Kosten der Finanzdienstleister an. Dadurch dreht sich für die Einrichtung der sogenannte Gewinn-Hebel in einen Verlust-Hebel. Sowohl Betriebsrentner als auch die Sozialsysteme verlieren dramatisch. Die sogenannte Förderung wird an dieser Stelle zur Geldverbrennung. Die bisherigen zugesicherten Anwartschaften kommen dabei zunehmend in große Gefahr.

 

Die Finanzdienstleister haben hingegen zusätzlich ein grandioses Geschäftsvolumen bekommen und verdienen zusätzlich durch höhere Provisionen und Verwaltungskosten. In der Finanzwirtschaft ist das ein sicherer Gewinn-Hebel. Die Bürger und der Staat bekommen hingegen die Verluste zugewiesen. Es ist das Geld, welches dringend für die Sicherung der Rentner mit den unteren Einkommen benötigt wird. Es ist ein Win-Loose-Loose-Ergebnis zugunsten der Finanzkonzerne auf Kosten der Arbeitnehmer und des Staates.

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