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Die krassesten Werbetricks bei der Entgeltumwandlung

Autor: Dirk Feldhinkel (Stand 25.01.23)

Eine Frau schaut gierig auf ein Zuckertörtchen.
Förderberechnungen sind wie Zuckertörtchen: Das Gehirn schaltet völlig ab! (Foto: Gratisograhy)

Soviel Förderungen und Zuschüsse von Staat und Arbeitgeber: Wo sollen da noch Tricks lauern?

 

- Und schon bist du in voller Länge hereingefallen!!!

 

 

 

Kennst du den Primacy-Effekt beim Vergleichen?

Werbung für die Entgeltumwandlung in einer Betriebsversammlung:

"Wer rechnen kann, der macht das!" 

 

Mit solchen fragwürdigen Aussagen machten Gewerkschafter gemeinsam mit den Versicherungsverkäufer in einer mittelständischen Firma Werbung für eine Direktversicherung. 

 

Der Grund für eine solche recht "mutige" Aussage bei einer Betriebsversammlung ist lediglich eine auf dem Lohnstreifen vorgerechnete Entgeltumwandlung zur Betriebsrente. Diese sah auf dem ersten Blick so aus, als würden bis zu 65 Prozent aus anderen Quellen nur für das eigene Wohl zufließen.

  

Erst bei Auszahlungen von Direktversicherungen und ähnlichen selbst finanzierten Betriebsrenten stellen viele entsetzt fest, wie fatal diese Empfehlung ist.

 

Wer rechnen kann, ist noch lange nicht klug. Vor allem, wenn die entscheidenden Informationen fehlen. Solche Finanzkonzerne genießen rechtlich bei Beratungen erhebliche Vorteile, an denen sich Unternehmen, die ebenfalls mit Verbrauchern Geschäfte machen, regelrecht verschlucken würden. Sie dürfen vereinfachte Berechnungen vorlegen und haben dadurch die Tore weit auf für Irreführungen oder schlichtweg falsche Aussagen, ohne belangt zu werden.

 

Warnung!

 

 Diese drei Irreführungen machen
sogar Betriebsräte blind:

  1. Oftmals werden die Betriebsrenten mit dem Netto-Einzahlungsbetrag verglichen. Das ist  schwerwiegend irreführend, weil die Rentenbezugszeit im Normalfall nur ein Bruchteil der Ansparzeit darstellt. Diesen zeitdynamischen Aspekt können wir in einer kurzfristigen Aufmerksamkeitsspanne kaum erfassen, wenn wir diese Zahlen nebeneinander lesen.
    Eine skrupellose Manipulation!
  2. Nachgelagerte Einkommensteuern und Abgaben nebst Änderungsrisiken werden nicht mehr vergleichend gerechnet, sondern nur im "Kleingedruckten" versteckt. Dabei werden sie unangemessen heruntergespielt. Diese heruntergespielten Annahmen haben sich jedoch als schwerwiegender Irrtum erwiesen und viele enttäuschte Betriebsrentner geradezu rasend auf die Palme gebracht. Welche krassen Täuschungen dahinter stehen, erkennst du, wenn es um die in uns ausgelöste Gier auf Förderungen geht.
  3. Viele Aussagen zu Zinserträgen oder Beispielrechnungen für Renten sind unseriös dargestellt und überhöht prognostiziert. Kosten werden praktisch nicht erwähnt. Ohne Hilfe hat ein Laie kaum die Möglichkeit zu erkennen, dass alles Verbindliche hierbei bereits ein geplantes Verlustgeschäft ist. Das gilt leider nicht nur für die aller neuesten Abschlüsse.

Kennst Du den Halo-Effekt beim Vertrauen?

Du wirst dich fragen, "Was ist ein Halo-Effekt?" und was hat der mit der Entgeltumwandlung zu tun?

 

Der "Halo-Effekt", übersetzt "Heiligenschein", ist ein manipulativer Einfluss in der Wahrnehmung

durch eine äußerlich positive Zuschreibung einer Sache oder einer Person.

 

Zu diesem "Heiligenschein" der Entgeltumwandlung kommt es, weil die Einkommenssteuer- und Sozialabgabenerlasse auf die Beiträge in den Glauben versetzten, die Produkte seien vom Staat als richtig und gut geprüft worden. 

 

Warnung!

 

Staatliche Vergünstigungen 

garantieren niemals einen Erfolg! 

 

Wenn der Staat für soviel Zuschuss sorgt, dann muss es doch gut sein. Ein Finanzkonzern seifte  Gewerkschaftsfunktionäre mit vergleichbaren Inhalten regelrecht ein, um Kritiker aus dem Weg zu räumen. Dabei wurde nur eine Kleinigkeit vergessen: Die Politiker der vergangenen 30 Jahre waren der Meinung, der Markt regele alles. Wenn du diese komplexen Zusammenhänge nicht begreifts, dann wärest du nach dieser Auffassung selbst daran Schuld, wenn du über den Tisch gezogen wirst.

 

„Die betriebliche Altersvorsorge ist das Beste was es gibt!“, prahlen die Organisationen hinter den Anbietern der Entgeltumwandlung. Nun - für die Finanz- und Versicherungskonzerne mag das stimmen. Es ist ein leichtes gewinnbringendes Geschäft, vor allem, wenn Gewerkschafter sich als kostenfreie Vertreter benutzen lassen. Doch wer zahlt am Ende die Zeche?

  

Innerhalb der Gewerkschaften, besonders in den Betrieben, fehlt es offensichtlich an hinreichend qualifiziertem Wissen, um eine wirklich gute Gestaltung für die Arbeitnehmer zu sichern. In persönlichen Gesprächen mit führenden Betriebsräten und in Personalabteilungen stieß ich auf die üblichen irrgeleiteten Annahmen, aber kaum auf echtes Fachwissen darüber. Die Finanzkonzerne haben hier das Sagen.

 

Doch es verlassen sich viele Arbeitnehmer darauf, dass Gewerkschaften genau hinschauen und prüfen, für was der Name der Gewerkschaft gegeben wird. Dieses Vertrauen kreiselt längst auf dem Roulette.

Hat Dich die Gier auf Fördergeld im Griff?

Am Ende schlägt ein nicht mehr ganz so harmloses Teufelchen heftig zu: die Gier.

Wenn du glaubts, dass du gerade eine "Förderrendite" von 65 Prozent haben könntest, dann merkts du auch, wie zappelig du bei dem Gedanken werden kannst.  Es beschleicht dich eine große Angst etwas zu verpassen, sich zu ärgern und am Ende vor anderen dumm auszusehen.

Tja - so schnappt die Falle zu!

 

Warnung!

 

Die Entgeltumwandlung im Sinne des § 3 Nr. 63 EStG 
wird nicht wirklich durch die Steuer- und Abgabeerlassen gefördert!

 

Du wirst ungläubig sagen, dass die Berechnungen von Entgeltumwandlungen doch zeigen, dass ein saftiger Vorteil vorliege. Nun - das ist, wie so oft, nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist die nachgelagerte Belastung mit voller progressiver Einkommensteuer und einigen Abgaben für Sozialbeiträge. Es ist also in diesem Sinne keine Förderung, sondern ein anderes Steuer- und Abgabenverfahren.

 

Die damalige Regierung, welche diese Entgeltumwandlung (§ 3 Nr. 63 EStG) im Jahr 2002 einführte, hatte auf ein nachgelagertes Steuer- und Abgabenverfahren umgestellt. Die Befreiungen von Steuern und Abgaben werden bei Auszahlung der Betriebsrente wieder fällig. Das entsprechende Gesetz für die nachgelagerten Sozialabgaben kam unauffällig nur zwei Jahre später.  

 

Welcher Sinn steht dahinter?

 

Im Grunde hatten die Regierung und die meisten politisch Beteiligten den Glauben, dass die kapitalgedeckte Betriebsrente immer mit guten Renditen versehen seien. Du ahnst schon, wer denen das so erklärt hat? - Richtig - die Versicherungslobby!

 

Mit der Fantasie, alle werden durch den Zinseszinseffekt super reich, könne sich der Staat wie auch der Direktversicherungskunde zurücklehnen und auf den automatischen Geldregen warten. Wer braucht noch eine gesetzliche Rente? Die Versicherungen fanden das besonders gut und schlugen schon mal ordentlich mit ihren Provisions- und Kostenabrechnungen zu. Der Markt wird es wohl bald regeln. 

 

Es gab nur wenige Jahre später ein klitzekleines Problem: die Wirkung der Finanzkrise im Jahr 2008.  Dummerweise mussten Versicherungskonzerne wie AIG vor einer Zahlungsunfähigkeit gerettet werden. Es gab eine Kettenreaktion, die in Amerika auch Pensionsfonds komplett vernichtete.  Diese Kettenreaktion schwappte in den europäischen Finanzmarkt hinein. Am Ende folgte daraus die Bankenrettungen mit sogenannter Nullzinspolitik der EZB im Euroraum. Seither konnten Versicherungen mangels Zinsen auf dem Finanzmarkt kaum Gewinne machen - also auch keinen Gewinnhebel erzeugen.  Dafür blieben Kosten hängen, was zum elementaren Problem für die laufenden und zukünftigen Verträge wurde.

 

Wie wirkt sich das Ganze jetzt aus?

 

Warnung!

 

Bereits bei geringen Verlusten bzw. Garantien unter der Beitragssumme
können die Vorteile der nachgelagerten Steuern- und Abgaben vernichtet sein. 

 

In der Politik ist man von reichhaltigen Gewinnen ausgegangen, wodurch vermeintlich alle profitieren sollten. Ausdiesem Grunde waren die Abgaben so ausgelegt, dass sie in vor- und nachgelagert etwa das gleiche Niveau (ca. 20 Prozent) hatten. Bei der nachgelagerten Abgabenbelastung entfielen die bisherigen staatlichen Versicherungen für die Rente und Arbeitslosigkeit. Dafür hatte man den vollen Beitrag für die gesetzliche Krankenkasse und Pflegeversicherung belassen. Diesen vollen Beitrag bezeichnet man wiederum oft als Doppelbeitrag, weil er anteilig doppelt so hoch ist, wie der entsprechende Arbeitnehmeranteil in der Erwerbsphase.

 

Bei genauer Betrachtung lag das vorgelagerte und nachgelagerte Niveau der Sozialabgaben gering unterschiedlich bei etwa 20 Prozent. Bei der gesetzlichen Rente übernimmt im Vergleich dagegen der Rentenversicherungsträger den halben Beitragssatz für die gesetzliche Krankenversicherung, so wie der ehemalige Arbeitgeber. Bei der Entgeltumwandlung hatte man jedoch darauf verzichtet. Wie eine sinnvolle staatliche Förderung sieht das so nicht mehr aus.

 

Die Versicherungsbranche verkaufte es jedoch völlig ungehindert als solche, indem sie die nachgelagerten Belastungen in Beratungen verschwiegen oder nebensächlich herunterspielten.

Bis heute werden trickreiche Irreführungen eingesetzt, die nachgelagerte Belastung als gering darzustellen. Sogar in Verbrauchereinrichtungen werden in diesem Punkt bis heute Fehler gemacht.

 

Bei den alten Verträgen mit Pauschalbesteuerung gem. § 40b EStG handelt es sich im Grunde um eine Auslaufphase des alten Systems. Wenn die Einzahlungen nicht nur aus jährlich einmaligen Sonderzahlungen stammten, waren die üblichen Sozialabgaben fällig. Das führte wiederum dazu, dass hier sowohl vorgelagert als auch nachgelagert Abgaben fällig wurden.  Der sogenannte Doppelbeitrag bekam hierbei in zynischer Weise noch einmal eine "doppelte" Bedeutung. Diese besondere Belastung wurde politisch offensichtlich in mit dem erheblichen Privileg der völligen Steuerfreiheit dieser alten Verträge abgewogen.

 

Davon will die heutige Politik nichts mehr wissen. Bei den daraus entstandenen Protesten gaben sich Politiker, Politikerinnen, Sozialwissenschaftler und Sozialwissenschaftlerinnen empört, als sei bei diesem systemisch ausgedachten Konzept nur ein Fehler unterlaufen. Sie verstanden nicht, dass es sich und die beabsichtigte nachgelagerte Steuer- und Abgabenerhebung handelte.

 

Es war eine breite öffentliche Anbiederung, ohne die Sache wirklich zu verstehen. Aus diesem Druck heraus wurde wiederum ein Freibetrag (seit 2020 inzwischen variabel ca. 160 Euro) für die Beiträge zur gesetzlichen Krankenkasse erlassen, der jedoch nicht gegenfinanziert ist. Hierdurch wird das Sozialsystem wiederum belastet. Für eine „echte Förderung“ kommt das Geld aus der falschen Quelle und schadet am Ende den Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen selbst.

 

Anders als bei den Sozialabgaben wird die Einkommenssteuer paritätisch erhoben. Das bedeutet, was zuvor nicht versteuert wurde, wird danach voll  besteuert. Deshalb werden die Entgeltumwandlungen, die gem. § 3 Nr. 63 EStG bis zu 8 Prozent der Beitragsbemessungsgrenze für die Rentenversicherung entlastet wurden,  später als Versorgungsbezug gem. § 22 Nr.5 EStG voll besteuert.  

 

Sind die Steuern in der Rente nicht geringer und damit zu vernachlässigen?

 

Warnung!

 

Nachgelagerte Netto-Berechnungen der "Berater"  

verzerren dramatisch das realistische Ergebnis!

 

Hier werden die Angebotsrechnungen regelmäßig manipuliert.  Die "Berater" der Versicherungen behaupten, die allgemeine Steuerbelastung sei niedriger als im Erwerbsleben. Diese Aussage ist pauschal so unzulässig:  

  1. Die Einkommenssituation steigert sich im Erwerbsleben durch Steigerungen in der Karriere,  den beruflichen Tarifstufen und in den verhandelten Tarifabschlüssen.
  2. Hinzu kommen zusätzliche Einnahmen, wie die Betriebsrente selbst, die zum Einkommen zählen.
  3. Wie bei der Vorrechnung der Entgeltumwandlung müssen beim Versorgungsbezug die Grenzsteuern gerechnet werden. Das heißt, die Steuerbeträge, die durch die Betriebsrente selbst verursacht worden sind erzeugen eine Progression. Hierdurch kann der steuerliche Abzug noch vor den Sozialabgaben schnell auf ca. 38 bis 48 Prozent der Betriebsrente steigen. (Stand 25.01.23)

Hinzu kommt, dass die Übergangsphase der steigenden Besteuerung im Jahr 2040 abgeschlossen ist. Das bedeutet, dass danach die Rente nach dem einem allgemein gültigen Freibetrag entsprechend voll besteuert wird. 

 

Trotzdem nehmen die "Beratungsexperten" einen niedrigen "Durchschnittssteuersatz" in Höhe von 25 Prozent für Vergleichsrechnungen an. Der Unterschied zur Realität ist gravierend. In einigen Fällen müsste man 115 Jahre alt werden, um das "geförderte Kapital" ohne Ertrag zurück zu bekommen.

 

Auch wenn das allgemeine Rentenniveau von der Regierung bereits abgesenkt wurde und damit auch das Steuerniveau damit sinken würde, sollten doch gerade diese Zusatzversorgungen das Niveau inklusive der Besteuerung wieder auffüllen. Es sei denn, der Gesetzgeber und die Finanzkonzerne glauben selbst nicht an das Konzept. 

Dirk Feldhinkel

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